Menschen, die unter Trichotillomanie leiden, rei\u00dfen sich zwanghaft ihre Haare aus. Wie Friseur*innen helfen k\u00f6nnen, untersucht eine aktuelle wissenschaftliche Studie. <\/p><\/div>\n\n
Es ist ein wunderbares Gef\u00fchl, wenn man Kund*innen vor sich hat und mit den Fingern durch deren Haare f\u00e4hrt, sie bewegt und ihre Struktur f\u00fchlt. F\u00fcr manche Menschen ist dieses Gef\u00fchl beim Bef\u00fchlen ihrer eigenen Haare jedoch zwanghaft belegt. Sie geh\u00f6ren zu den etwa ein bis zwei Prozent in Deutschland, die von der Zwangsst\u00f6rung Trichotillomanie betroffen sind: Sie f\u00fchlen nicht nur die Bewegung und Beschaffenheit eines ihrer Haare, sondern separieren und rupfen es aus. <\/p>\n\n\n\n
Nicht vereinzelt und nicht zuf\u00e4llig, sondern gezielt und vor allem immer wieder und in hoher Zahl. Dabei zupfen oder rei\u00dfen die Betroffenen sowohl Kopfhaare als auch Wimpern oder Augenbrauen oder sogar Scham- und Achselhaare aus.<\/strong> Die sichtbaren Folgen wie kahle Stellen am Kopf oder fehlende Augenbrauen und Wimpern belasten die Betroffenen stark.<\/p>\n\n\n
Ein Friseurbesuch ist deshalb f\u00fcr viele jahrelang unvorstellbar. Stattdessen verbergen sie die kahlen Stellen mit T\u00fcchern, M\u00fctzen oder oft unprofessionellen Haarteilen und zeichnen Augenbrauen mit dekorativer Kosmetik nach.<\/p>\n\n\n\n
Abhilfe kann fast immer nur eine Verhaltenstherapie schaffen, mit der die Betrof fenen den h\u00e4ufig zugrunde liegenden Leistungsdruck mindern und die gest\u00f6rte Impulskontrolle verbessern k\u00f6nnen. Doch auch ein achtsam ausgef\u00fchrter Haarschnitt und eine liebevolle Haarw\u00e4sche und -behandlung k\u00f6nnen einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden der Betroffenen haben<\/strong>, ist sich Friseurin und Diplom- Psychologin Linda Hollatz sicher.<\/p>\n\n\n\n
Sie promoviert zu diesem Thema an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln. Mithilfe zweier Studien m\u00f6chte sie die Zwangsst\u00f6rung Trichotillomanie bekannter machen und zur Rolle, die Friseur*innen beim Umgang mit der St\u00f6rung spielen k\u00f6nnen, informieren: Wir hoffen, dass wir mithilfe der Ergebnisse ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr spezifische pers\u00f6nliche und professionelle Haarpflege-Bed\u00fcrfnisse von Betroffenen gewinnen k\u00f6nnen. Ein n\u00e4chster Schritt w\u00e4re dann die Entwicklung von Haarpflege-Interventionen, die Menschen beim Umgang mit ihrem Haareziehen unterst\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n\n\n
Trichotillomanie ist eine Zwangsspektrums-St\u00f6rung, bei der sich Betroffene selbst Haare ausrei\u00dfen. Sie k\u00f6nnen das Verhalten nicht unterbinden, obwohl sie sehr unter dem Haareausrei\u00dfen und seinen Folgen leiden. Am h\u00e4ufigsten werden die Haare an der Kopfhaut sowie Augenbrauen und Wimpern ausgerissen. Generell k\u00f6nnen aber alle K\u00f6rperstellen betroffen sein, wo Haare wachsen. <\/p>\n\n\n\n
Das Ausrei\u00dfen von Haaren wird als ablenkend, tr\u00f6stend oder spannungsmindernd empfunden, wodurch sich das Verhalten verfestigt. Auch das Aus\u00fcben der Handlung als Genussverhalten kann eine Rolle spielen: Oft wird das Spielen mit dem Haar zwischen den Fingern, das Ber\u00fchren des Mundes mit dem Haar oder das Bei\u00dfen auf den Haaren einfach als angenehm empfunden. Die Handlung wird zu einem Alltagsritual, beispielsweise beim Autofahren, Lesen oder Telefonieren. Sie kann dann unbewusst und automatisiert ablaufen, ohne konkrete Ausl\u00f6ser.<\/p>\n\n\n\n
INFOS UND HILFSANGEBOTE<\/h2>\n\n\n
Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen e. V.:<\/strong>
Antonia Peters, Vorsitzende der DGZ e. V., ist eine ehemalig Betrof fene und Trichotillomanie-Expertin mit einer regelm\u00e4\u00dfigen Telefonsprechstunde (kostenfrei und \u00fcberregional): www.zwaenge.de<\/a><\/p>\n\n\n\nHamburger Selbsthilfegruppe Skinpicking \/ Dermatillomanie Hair Pulling Disorder \/ Trichotillomanie und andere BFRBs:<\/strong> Momentan per Zoom jeden 2. und 4. Montag von 19:0020:30 Uhr, www.selbsthilfe-bfrb.de<\/a><\/p>\n\n\n\n
Selbsthilfegruppen nach PLZ:<\/strong>
www.zwaenge.de\/selbsthilfe\/shg_liste\/<\/a><\/p>\n\n\n
Antonia Peters, selbst jahrelang von Trichotillomanie betroffen und inzwischen Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Zwangserkrankungen e.V., kennt die Bed\u00fcrfnisse von Trichotillomanie-Patienten bei einem Friseurbesuch: Das Schamgef\u00fchl ist extrem gro\u00df. Betroffene gehen oft jahrelang \u00fcberhaupt nicht zum Friseur, schneiden sich die Haare selbst, klammern und frisieren sie so, dass kahle Stellen \u00fcberdeckt werden. Oder sie nennen beim Friseurbesuch andere Gr\u00fcnde f\u00fcr kahle Stellen: Hormone, Medikamente, Ern\u00e4hrung, Allergien, Stoffwechsel etc.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n
Entdecken Sie als Friseur eine diffus kahle Stelle mit vielen gleich kurzen Stoppeln, k\u00f6nnte es sich um Trichotillomanie handeln. Ein m\u00f6gliches Vorgehen w\u00e4re dann, die Kundin behutsam, feinf\u00fchlig und wertfrei anzusprechen: Ich sehe, Sie haben hier eine d\u00fcnne oder kahle Stelle. M\u00f6chten Sie dazu beraten werden? K\u00f6nnte es denn auch sein, dass es nicht an Grund XYZ liegt, sondern dass Sie dort vielleicht selbst Haare ausgezupft haben? Ich habe dazu schon einiges gelesen\/ich kenne das Thema. M\u00f6chten Sie dar\u00fcber sprechen oder darf ich Sie dazu beraten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n
Vermitteln Sie der Kundin Professionalit\u00e4t, Verst\u00e4ndnis und Sachkenntnis. Bieten Sie ihr an, sie in einem separaten Bereich falls vorhanden oder zu einem Randtermin zu behandeln. In solchen Situationen \u00f6ffnen sich Betroffene gegebenenfalls eher und k\u00f6nnen unbelasteter Frisierw\u00fcnsche \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n
W\u00e4hrend der Behandlung k\u00f6nnen Sie immer wieder dezent nachfragen, ob gewisse Ber\u00fchrungen gew\u00fcnscht sind, beispielsweise das Waschen oder B\u00fcrsten. Vermeiden Sie es, beim Haarschnitt zu stark am Haar zu ziehen. Schaffen Sie positive Anker, indem Sie z. B. ganz wertfrei ein leichtes Tages Make-up anbieten. Bauen Sie Vertrauen auf, indem Sie sich zur\u00fccknehmen.<\/p>